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Dieser Blog beschäftigt sich mit Beobachtungen und Gedanken zu menschlichem Verhalten - sei es, wie wir mit eigenen oder anderen Fehlern umgehen, wie wir uns in Gesellschaft verhalten oder was für eine Partnerschaft wichtig sein kann. Gern gebe ich Tipps, wie man sich und anderen das Leben leichter machen kann.

Hilfe, Kritik!

Wie gut können wir Kritik vertragen?  Manche können es wirklich gut, viele haben aber Probleme damit. Gern unterscheiden wir zwischen konstruktiver und nicht konstruktiver Kritik, im Volksmund eher gute oder schlechte Kritik. Eine Art Kritik will niedermachen und Frust abladen, während positiv gemeinte Kritik aufbauend, konstruktiv sein will, dem Kritisierten die Möglichkeit bieten will, Dinge oder sein Verhalten zum Besseren hin zu verändern. Natürlich kann auch total niedermachende Kritik eine Botschaft beinhalten, die dem Kritisierten weiterhilft. Vielleicht kann der Kritiker sich nicht so gut ausdrücken, weiß nicht, wie man „konstruktiv“ kritisiert. Aber er ist total gefrustet und lädt das nun ab. Und das kann durchaus was mit dem Verhalten des Kritisierten zu tun haben, der nun eine üble Dusche abkriegt.

Aber auch gutgemeinte Kritik will erstmal verdaut werden. Wenn mir gezeigt oder gesagt wird, wie ich etwas besser machen kann, beinhaltet das, dass ich etwas nicht gut gemacht habe. Und grundsätzlich lassen wir uns nicht so gern dabei ertappen. Auch wenn unser Verstand uns sagt, dass es gut gemeint ist und uns nützen soll. Apropos gut gemeint: Tatsächlich hilft es vielen – mir jedenfalls auch – wenn sie die gute Absicht, eine respektvolle Grundhaltung und Wohlwollen des Kritikers spüren. Da will mich keiner als Person schlechtmachen oder mir was „reinwürgen“, da soll wirklich nur festgestellt werden, was nicht gut gelaufen ist und besser gemacht werden kann. Und manchmal steht tatsächlich ganz im Vordergrund, dass man dem Anderen, dem Kritisierten damit helfen will, ihm eine andere Sichtweise bietet, damit er in Zukunft vielleicht Dinge anders machen kann.

So hatte ich das von mir angenommen, als ich einer Autorin mehrerer Bücher und in bestimmten Kreisen bekannten Psychologin eine Kritik zu ihrem Sachbuch schrieb (einige Fakten leicht geändert, um Anonymität sicherzustellen). Der Leiter des Lichtquell Seminarzentrums bei Freiburg hatte mit mir abgesprochen, dass ich dort im Frühjahr 2015 ein 5-tägiges Seminar zum Thema „Selbstliebe, Kontakt, Partnerschaft“ halten sollte. Gerade war ein Buch zu diesem Themenkomplex erschienen und er erzählte mir davon. Ich kaufte es und begann voller Interesse zu lesen. Aber schon schnell war ich verwirrt: Was bloß sollten die vielen, meist unvermittelt aneinander gereihten Fakten? Was war wirklich die Aussage der einzelnen Kapitel? Manche Sätze und Abschnitte waren mir völlig unverständlich. Und was sollten die unzähligen Zitate? Beweisen, dass andere prominente Menschen dasselbe dachten wie die Autorin? Meist störten sie nur den Lesefluss. Ich muss dazu sagen, dass ich viele Jahre lang Sachbuchlektorin, u.a. im Bereich Gesundheit war und wirklich eine Vorstellung davon habe, wie ein leserfreundliches Sachbuch aussehen sollte.

Dies also schrieb ich in etwa der Autorin an ihre private Mailadresse – nicht als öffentliche Rezension bei amazon. Wie ich fand, sachlich und respektvoll und immer vor dem Hintergrund, dass weitere Bücher und ihre Leser davon profitieren könnten. Und immer noch positiv verbrämt, denn ich wollte ihr nicht sagen, wie schlecht ich ihr Buch in Wirklichkeit fand.

Über die Antwort staunte ich nicht schlecht: Sie schriebe so wie es ihr und nicht, wie es mir gefalle. Ein Goethe-Zitat sollte mir zeigen, dass ich ihren (großen) Geist eben nicht verstehen könne. Und sie wünschte mir alles Liebe – ich könne es brauchen.

Natürlich sollte kein Autor sich einzig nach dem Publikumsgeschmack ausrichten. Aber für möglichst viele verständlich sollte ein Sachbuchautor schon schreiben wollen.

Keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kritik – eine rein beleidigte und beleidigende Antwort. Und diese Frau ist Psychologin, gibt seit Jahren Therapie und hat vermutlich vielen Menschen geholfen.

Um sicherzugehen, dass meine Selbsteinschätzung sich mit der Realität deckte und ich tatsächlich eine sachliche Kritik geschrieben hatte, zeigte ich unsere Korrespondenz einer Freundin, Lehrerin und therapieerfahren, d.h., sie hat schon viele Psychologen erlebt. Sie fand meine Kritik völlig akzeptabel und war empört: Und das will eine Psychologin sein??  Zu der würde ich nie gehen! Ein typisches Beispiel von Projektion …

Was ist hier passiert? Einige meiner Vermutungen: Entweder ist die Frau so erfolgreich, dass sie keinerlei Kritik mehr gewöhnt ist und selbige als Majestätsbeleidigung ansieht. Es kann einfach nichts an ihr zu kritisieren geben! Oder sie weiß, dass die Kritik berechtigt ist, ist aber trotz allen Erfolgs so wenig selbstbewusst, dass sie sie einfach wegbügeln muss, nicht zulassen kann.

Ein Blick in die Rezensionen ihrer Bücher bei amazon zeigte mir, dass viele Leser ihre Bücher durchaus gut fanden. Aber fast alle Punkte, die ich erwähnt hatte, waren zuvor auch von anderen kritisiert worden.

Natürlich muss man nicht jede Kritik sofort als berechtigt ansehen. Viele neigen dazu und bekommen erstmal ein schwaches Gefühl in der Magengrube, wenn sie kritisiert werden. Wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob Kritik berechtigt ist – sie kann ja manchmal mehr über den Kritiker aussagen als über den Kritisierten -, nehme ich sie kommentarlos zur Kenntnis. Oder ich bedanke mich zunächst für die Kritik und sage dann, dass ich mir in Ruhe überlegen müsse, was ich damit anfangen könne. Und manchmal sage ich dann später, dass sie mir wichtige Impulse gegeben habe – oder dass ich glaube, dass sie nicht wirklich etwas mit mir zu tun habe.

Aber ganz ehrlich, kritisiert zu werden finde ich selber oft nicht einfach. Wichtig wäre aber, dass man Kritik aushält – außer man merkt sofort, dass sie blödsinnig ist - und dann in Ruhe für sich überlegt, was man mit ihr anfängt. Schade wäre es doch, wenn man die Lernmöglichkeiten, die sie bietet, ungenutzt sozusagen im Sande versickern ließe.