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Dieser Blog beschäftigt sich mit Beobachtungen und Gedanken zu menschlichem Verhalten - sei es, wie wir mit eigenen oder anderen Fehlern umgehen, wie wir uns in Gesellschaft verhalten oder was für eine Partnerschaft wichtig sein kann. Gern gebe ich Tipps, wie man sich und anderen das Leben leichter machen kann.

Jeder Mensch hat zwei Seiten!

Staunen Sie manchmal auch, dass Sie eine gute Freundin haben und die wiederum hat eine Freundin, die Sie überhaupt nicht ausstehen können? Sie fragen sich, wieso eine so „Nette“ mit einer so Unsympathischen befreundet sein kann. Was sie bloß an der sieht? Natürlich gibt es auch Freundinnen, die sehr viele Gemeinsamkeiten haben, einen ähnlichen Geschmack und die tatsächlich oft dieselben Leute sympathisch finden. Aber immer ist das eben nicht der Fall. Es muss irgendeine „Chemie“ geben, die dafür sorgt, dass diese zwei Frauen sich verstehen, die aber eben nicht zwischen Ihnen und dieser Frau zur Wirkung kommt.

Manchmal glaube ich, dass auch irgendetwas uns veranlasst, einem Menschen unsere freundliche Seite zu zeigen, und etwas Unerklärliches an einem anderen Menschen uns dazu bringt, unsere schroffere Seite hervorzuholen.

Irgendetwas muss das triggern. Eine Theorie ist ja, dass etwas an einem Menschen uns an etwas oder jemanden erinnert, mit dem wir keine guten Erfahrungen gemacht haben. Und dieser Mensch erfährt dann unsere Ablehnung, obwohl er persönlich gar nichts dafür kann. Oder er aktiviert ein Minderwertigkeitsgefühl … oder wir lehnen eine Art, ein Verhalten an ihm ab, dass uns unbewusst an uns selbst nicht gefällt – dass wir aber eben an uns selbst bewusst nicht wahrnehmen.

Ich werde immer misstrauisch, wenn jemand etwas sehr stark verurteilt. Und zwar seitdem ich erlebt habe, wie die Leiterin eines angesehenen Colleges häufig und empört von jugendlichen Missetätern sprach und voller Begeisterung darüber, dass die auf der Isle of Skye eine Prügelstrafe erhielten, was sie als absolut angemessen empfand (das ist lange her und ich weiß nicht, ob das noch üblich ist). Später stellte sich heraus, dass genau diese Frau die Collegegelder veruntreut hatte, und zwar in einem solchen Maße, dass das College geschlossen werden musste. Das hat nachhaltig auf mich gewirkt.

Dabei hatte diese Frau bestimmt auch gute Seiten. Sie war früher Sängerin gewesen, Künstlerin. Hat vielleicht anderen Menschen geholfen, sie unterstützt. Vielleicht gab es Menschen, für die sie durchs Feuer ging und die sie sehr liebten.

Wir können einem Menschen eine gute Seite von uns zeigen und kurz darauf eine schlechte. Wir können einem Menschen unsere gute Seite zeigen und praktisch gleichzeitig einem anderen Menschen unsere schlechte. Da gibt es die verschiedensten Variationen. Wir können einem Menschen jahrelang überwiegend unsere guten Seiten zeigen und dann plötzlich nur noch unsere schlechten – bei Trennungen und Scheidungen scheint das häufig der Fall zu sein.

Es gibt natürlich Menschen, die von Natur aus oder durch viel Arbeit an sich so gereift sind, dass sie grundsätzlich und auch in schwierigen Situationen Menschen ausschließlich freundlich begegnen. Und wiederum gibt es auch die Griesgrame, die eigentlich nur mit mürrischem Gesichtsausdruck durch die Gegend laufen. Es ist normal, dass wir nicht immer freundlich reagieren – besonders wenn wir unter Stress stehen, Schmerzen haben, uns überfordert fühlen. Aber manchmal – mir geht es jedenfalls so – zeigen wir anscheinend eine plötzliche Verstimmung, ohne dass wir uns selbst dessen bewusst sind. Dass man das im Außen spüren kann, behauptet jedenfalls mein Sohn. Wenn ich im Restaurant länger warten muss oder einen Platz zugewiesen bekomme, den ich nicht angenehm finde, würde meine Stimme immer eine gewisse Schärfe bekommen, wenn ich den Kellner darauf anspreche. Meine Erklärung dafür: Ich befürchte anscheinend, dass ich nicht wichtig genug genommen werde, dass ich weniger zuvorkommend behandelt werde als andere. Das sagen zwar öfters Frauen, die allein ins Restaurant gehen, aber da steckt sicher mehr dahinter … Praktisch jeder kennt den Begriff des „verletzten Kindes“. Der Benediktinerpater und Autor zahlreicher spiritueller Bücher, Anselm Grün, benannte in einem Vortrag u.a. auch das „nicht beachtete, übersehene, verteufelte, missbrauchte, übergangene, …. Kind“. Sicher fallen einem auch noch mehr passende Adjektive ein. Vielleicht meldet sich in diesen Restaurantsituationen bei mir das „übergangene“ Kind? Spannend finde ich , dass man immer wieder, auch als sozusagen psychologisch Geschulte, Dinge an sich selber nicht völlig versteht oder erklären kann. Letztlich:der Mensch, das unbekannte Wesen.

Ich sehe es als lebenslange Aufgabe, sich selbst immer mehr auf die Schliche zu kommen, sich selber immer besser zu verstehen. Und natürlich auch andere dabei zu unterstützen, für die das auch wichtig ist und die ihr Leben so besser in den Griff bekommen möchten.